Der Weg des Buches

Ein Rundgang mit Geschäftsführer Jochen Mende durch die Verlagsauslieferung Prolit, auf den Spuren des Romans Vintage von Grégoire Hervier

 

Von Jürgen Sander

Liegt gerade ein spannender Büchergilde-Roman auf Ihrem Couchtisch und wartet darauf, von Ihnen gelesen zu werden? Zum Beispiel Vintage von Grégoire Hervier aus unserem Frühjahrsprogramm? Das freut uns natürlich und auch sie erfreuen sich hoffentlich an diesem Buch. Aber haben Sie sich schon einmal gefragt, welchen langen und stationsreichen Weg das Buch hinter sich bringen musste, um im heimischen Wohnzimmer zu landen?
 
Erst kürzlich lag es noch gestapelt in einem Hochregal, zusammen mit 40 000 anderen Titel in der riesigen Lagerhalle von Prolit – unserer Verlagsauslieferung. Nicht nur die Büchergilde, sondern insgesamt 160 Verlage haben dort ihr lieferbares Programm eingelagert. In den Hallen stehen 30 000 Palettenplätze zur Verfügung. Über 500 000 Paketstücke verlassen die Hallen pro Jahr. Klar, dass hier eine ausgeklügelte Logistik nötig ist, für deren reibungslosen Ablauf die rund 120 Mitarbeiter sorgen.
Prolit gehört zu den zehn größten Dienstleistern für Verlage und sorgt inzwischen für die Belieferung von Buchhandlungen in Deutschland, in Österreich und in der Schweiz. Begonnen hat das Unternehmen allerdings recht klein, vor mehr als 48 Jahren im Geiste der 68erBewegung. Sechs Studenten wollten „linke“ Bücher verlegen und unter die Leute bringen. Doch schnell war klar, dass dafür auch der Vertrieb organisiert werden musste. Weil sie damit recht erfolgreich waren, übernahmen sie bald auch den Vertrieb von Büchern anderer Verlage. Das als politische Arbeit betriebene Projekt Prolit wurde 1974 zum beruflichen Nebenerwerb und zum richtigen – zunächst ‚selbstverwalteten‘ – Betrieb. Seither ist Prolit kontinuierlich gewachsen und nach sieben Umzügen wurde 1990 schließlich das Gebäude bezogen, in dem die Firma heute sitzt. Das firmeneigene Gebäude wurde zwischenzeitlich vier Mal erweitert. Derzeit findet sich auf einem gut 30 000 qm großen Grundstück eine teils zweigeschossig überbaute Fläche von 12 300 qm. Das entspricht zwei Fußballfeldern.
 
Aber was ist eigentlich eine Auslieferung? Das Prinzip ist relativ simpel. Buchhandlungen bestellen ihre Bücher nicht direkt bei dem jeweiligen Verlag, sondern beziehen die Titel bei einer Verlagsauslieferung. Da dort unterschiedliche Verlage ihre Produkte gelagert haben, können die Buchhandels-Bestellungen gebündelt und gemeinsam verschickt werden. So erhalten Buchhandlungen Bücherlieferungen verschiedener Verlage in einer einzigen Sendung. Statt mit herkömmlichen Transportdiensten können sie sich dabei für einen Bücherwagendienst entscheiden, der die Waren von der Auslieferung direkt in die Buchhandlung bringt. Die Bücherwagendienste haben eigene Transportkisten, die sich durch Farbe und Form unterscheiden. Buchgroßhändler wie Koch, Neff & Volckmar (KNV), Libri oder Umbreit übernehmen den Transport.

Vintage, frisch aus der Druckerei © Jürgen Sander
Transportwannen © Jürgen Sander

Doch zurück zu unserem Buch Vintage von Grégoire Hervier: Was hat es in den Lagerhallen von Prolit alles erlebt, wie wurde es angeliefert, auf seinen Lagerplatz gebracht und schließlich konfektioniert sowie versandfertig gemacht? Dazu besichtigen wir mit Jochen Mende, einem der Gründerväter von Prolit, die Hallen und begleiten Vintage auf seinem Weg durch die Auslieferung.
Wir beginnen unseren Rundgang beim Wareneingang. Es ist laut: Maschinen und Laufbänder rattern, immer wieder ertönt eine kleine Sirene und Gabelstapler fahren durch die Gänge, so dass man sich ständig einen sicheren Platz suchen muss. Hier werden Bücher auf Paletten von den unterschiedlichen Druckereien angeliefert. Darunter auch Herviers Vintage, das aus der Druckerei CPI Books an Prolit versandt wurde. Mitarbeiter kontrollieren die Lieferscheine und prüfen, zählen und wiegen die Bücher, denn danach berechnet sich das jeweilige Porto, etwa für den Postversand. Wenn alles in Ordnung ist, werden die Titel mit allen Angaben in das EDV-System von Prolit eingebucht. Gabelstapler wuchten die Paletten dann in das Hochregallager und die Stellplätze werden mit den Angaben zu den dort eingelagerten Titeln beschriftet. Kurz vor dem offiziellen Erscheinungstermin von Vintage werden die Bücher in ein Handlager umgelagert, wo alle derzeit lieferbaren Titel für die Mitarbeiter schnell greifbar sind.
Wenn die Bestellung einer Buchhandlung eingegangen ist, wird ein Packzettel mit Rechnung im Konfektionierungslager ausgedruckt und in eine Transportwanne gelegt. Auf langen Transportbändern rattern die Kisten durch die Hallen, fahren vom Erdgeschoss in den ersten Stock und wieder zurück nach unten. Immer wieder werden die Kisten gestoppt, während Mitarbeiter aus langen Regalreihen die auf dem Packzettel gelisteten Bücher holen und in die Wanne legen. Zahlreiche Scanner stellen sicher, dass die Transportkisten auf ihrem Weg stets zu finden sind und vor allem, dass sie immer an der Station stehen bleiben, an der die nächsten Bücher in die Kisten gelegt werden. Eine hocheffiziente Automatik!

Jochen Mende von Prolit © Jürgen Sander

Während der Kommissionierung, also dem Zusammenstellen der Sendungen, werden die einzelnen Titel gescannt und registriert. Nachdem an den verschiedenen Stationen alle Produkte gesammelt wurden und damit der Auftrag abgearbeitet ist, wird die Sendung in den Warenausgang geschickt. Sollte als Lieferart der Postweg gewählt worden sein, wird die Sendung in einen Karton gepackt, dann automatisch auf dem Laufband gewogen und durch eine Maschine mit einem Paketband verschlossen. Die Sendungen, die durch Bücherwagendienste verschickt werden, bleiben in der jeweiligen Transportbox und werden für die Abholung im Warenausgang bereitgestellt.
Auf dem Weg durch die Hallen erläutert Jochen Mende, welche Herausforderungen bei der Logistik gemeistert werden mussten und welche Innovationen dafür eingeführt wurden. Besonders stolz ist er auf das Automatische Kommissionierlager, in dem die sogenannten „Langsamdreher“ aufbewahrt werden, also die Bücher, die seltener bestellt werden. Statt für diese Titel die Arbeitskraft der Mitarbeiter zu bemühen, übernimmt das Automatische Kommisionierlager diese Tätigkeit fast von alleine: Wie von Geisterhand bewegt sich eine gabelstaplerähnliche Maschine zwischen den Hochregalen, zieht da und dort eine Metallkiste hervor und lädt sie auf einem Rollband ab. Auf dem Band fährt die Kiste zu einer Station, an der wieder ein menschlicher Mitarbeiter übernimmt und das Buch in eine Wanne legt. Auf einem Bildschirm bestätigt er die Entnahme eines Titels, woraufhin die Kiste weiterfährt und von der gleichen Maschine zurück ins Regal gestellt wird

Für die Büchergilde gibt es eigene Regale mit dem gesamten lieferbaren Programm. Von hier werden sowohl die Buchhandlungen beschickt, aber auch viele Mitglieder, die direkt beim Verlag bestellen, erhalten ihr Buch zusammen mit der Rechnung in einem einzelnen Postpaket, das an Ort und Stelle mit einem Etikett beklebt wird. Auch Vintage geht von hier auf die Reise. Das Päckchen wird zusammen mit anderen Sendungen in einer Gitterbox der Post gesammelt. Wenn die Bestellungen des Tages abgearbeitet sind, wird diese Box zum Warenausgang geschoben. Dort warten schon die Lastwagen, die die Sendungen in alle Himmelsrichtungen verteilen und irgendwo in Deutschland freut sich jemand auf den Roman von Grégoire Hervier. Vielleicht Sie?