„Man hat als Reporter nur zwei Möglichkeiten: Entweder als Klavierspieler auf der Titanic zu bleiben. Oder etwas zu tun.“

 

Im Januar 2018 startet das Schweizer Online-Magazin Republik. Verleger Constantin Seibt ist der Überzeugung, dass der Journalismus umgekrempelt werden muss.

 

Von Andrea Baron

Verleger Constantin Seibt (c) Republik

Vor drei Jahren arbeitete Constantin Seibt noch als Reporter für den Tagesanzeiger in der Schweiz, als ihn dessen Politik stutzig machte. Ihm fiel auf, dass dreistellige Millionensummen in Internetportale investiert wurden, wohingegen bei den eigenen Zeitungen nur noch gespart wurde. Der Konzern wollte aus dem Produkt Journalismus aussteigen, jeder Protest war hier sinnlos, es gab keinen Weg zurück – ganz entgegen den beruflichen Interessen Seibts. Leider handelte es sich hier nicht um einen Einzelfall: Viele Verlage in der Schweiz verlassen den publizistischen Bereich und verlagern ihr Geschäft lieber in Internethandelshäuser. Und zwar in einem derart beachtlichen Tempo, dass die Branche schneller schrumpft, als man umdenken kann.

Überraschen mag dies indes leider nicht: Für über hundert Jahre war der Journalismus, vor allem in Form der Tageszeitung, nahezu konkurrenzlos. Viel zu hoch waren die Kosten für Druck und Vertrieb, als dass jemand den Versuch gewagt hätte, den bestehenden Verlagen etwas entgegenzusetzen. Also kümmerte man sich auch jahrelang nicht darum, an dem Konzept etwas zu ändern. Wozu auch? Doch in Zeiten des Internets gelten die alten Regeln nicht mehr, der Beruf des Verlegers und vor allem des Journalisten muss quasi neu erfunden werden. Gerade jetzt, da viele Verlage sich als Konsequenzen vermehrt der Publizistik entziehen. Aber: Dieser Rückzug ist für Seibt nicht nur „eine schlechte Nachricht für den Journalismus, sondern auch eine schlechte Nachricht für die Demokratie“. Warum? – „Mit schlechten Nachrichten fällt man auch schlechte Entscheidungen“, konstatiert er. Spätestens seit Begriffen wie „Fake News“ und „Alternative Fakten“ sollten wir alle wissen, was er damit meint.

Also beschloss er zusammen mit Kollegen, ein Gegenmodell zu entwerfen. Es sollte groß genug sein, um eine eigene, eine laute Stimme in den aktuellen Debatten zu haben, aber klein genug, um zu überleben und unabhängig bleiben zu können. Unabhängig von Werbung, unabhängig von verbreitetem Bullshit oder Effekthascherei.

Und das genau will Republik erreichen. Das Magazin definiert den redaktionellen Journalismus zwar nicht komplett neu, aber es hat der Generation Zeitung online etwas Entscheidendes entgegenzusetzen: „Unser wichtigstes Gebiet ist die Grauzone von Politik, Wirtschaft, Gesellschaft. Und dort alles, was verwickelt, dunkel, unklar ist. Also das, wo man viel Zeit braucht, um klar zu sehen. Wir sind nicht intelligenter als unsere Leser, aber wir haben die Zeit, uns durch den Staub der komplexen Welt zu wühlen, während die Leser ihr Leben führen: mit Job, Familie, Hobby. Wir sind quasi für unsere Leser ein privates Expeditionsteam in die Wirklichkeit.“

Das Republik-Team (c) Republik

Die Republik ist also die Neuauflage eines bekannten Mediums, das auch in der digitalen Zeit hervorragenden Journalismus ermöglichen soll. Das Magazin möchte sich klar unterscheiden von den abhängigen Online-Zeitungen, die auf schnelle, flüchtige Beiträge setzen, die den einen Tag noch im Feed zu sehen sind und am anderen verschwunden.

Das macht es natürlich zu einem ideellen Modell. Aber auch dieses kann nur funktionieren und sich langfristig behaupten, wenn es wirtschaftlich tragbar ist. In diesem Falle sogar: selbsttragend. Nach eigenen Angaben brauchen Seibt und sein Team dafür 22.000 Verleger und Verlegerinnen. 14.000 haben sie bereits für sich gewonnen. Es bleibt spannend, aber das Magazin scheint hier auf einem guten Weg zu sein.

Gewinnen konnte Seibt so viele Menschen letztendlich mithilfe von Crowdfunding. Moderner Journalismus bedarf eben moderner Finanzierungswege. Aber auch solch eine Kampagne lässt sich nicht einfach aus dem Boden stampfen. Zum Erfolgskonzept von Republik gehört eine Menge Vorarbeit. So hat Republik zwei Firmen. Zum einen die Project-R-Genossenschaft ("R" steht für Republik), die journalistische Projekte entwickelt, und zum anderen die RepublikAG, die für die Herausgabe des Magazins zuständig ist. Mit diesem durchdachten Firmenkonzept als Basis gelang es dem Team zunächst einmal, Investoren zu generieren. Diese garantierten eine Zahlung von 3,5 Millionen Schweizer Franken unter der Bedingung eines Markttests in Form des Crowdfundings. Sie setzen ihrem Investment höchst konkrete Zahlen voraus: Mindestens 750.000 Schweizer Franken mussten von mindestens 3.000 Spendern einfließen. Das klang nach einer harten Nuss, aber beim Crowdfunding im Mai 2017 wurden alle Erwartungen der Journalisten bei Weitem übertroffen: Nach nur vier Wochen hatten 14.000 Spender 3,4 Millionen Schweizer Franken für das Projekt zusammengetragen. Bereits am zweiten Tag nach Beginn der Kampagne war der Weltrekord für Mediencrowdfundings gebrochen worden! Und alle diejenigen, die eingezahlt hatten, sind nun Abonnenten von Republik – und dessen Verleger. Ungewöhnlich und ungewöhnlich charmant.

Redaktionssitz Hotel Rothaus (c) Jan Bolomey für Republik

Das Bezahlmodell indes unterscheidet sich nicht so sehr von dem vieler Online-Zeitungen, allerdings gibt es hier nichts umsonst. Ohne Abonnement kann man keinen Artikel auf republik.ch lesen. So kann die Republik allerdings alle Texte ohne Werbung, Clickbaiting etc. pp. anbieten. Und zwar, ohne dass man erst Adblock installieren muss … Die Republik verkauft also noch eine echte Dienstleistung. Abgesehen davon sind alle Artikel uneingeschränkt teilbar. Darüber hinaus gewinnt man noch die Möglichkeit zur aktiven Teilnahme. Und hier wird es interessant. Die Leser, sprich die Verleger, haben das Recht auf Transparenz und Fehlerkultur. Außerdem hat der Abonnent ein – wenn auch nicht verbindliches, jedoch explizit gewünschtes – Vorschlagsrecht und darf sich an Abstimmungen beteiligen. Das erinnert schon sehr an das Prinzip einer Genossenschaft und kann unter Umständen neuen, ungewöhnlichen Content schaffen, dürfte aber bei der Menge an Mitgliedern auch zu viel Bedarf an Aussortieren beitragen.

Was genau erwartet nun den Leser von Republik? „Eines unserer größten Versprechen ist: Wir bieten weniger (nämlich 1-3 Artikel pro Tag) – aber dafür denken wir weit länger drüber nach“, so Seibt. Und, kann das Bestand haben? Das Medienecho ist unterschiedlich. Constantin van Lijnden titelte in Die ZEIT kürzlich einen Artikel über Republik mit „Ein Fläschchen Hoffnung“ und meinte es auch. Jürg Altwegg schloss sich dem an und bezeichnete das Projekt in der FAZ als „Online-Aufbruch“ und „überzeugend“. Michael Furger hingegen bezichtigte das Projekt in der NZZ als „Werbelüge“ und wehrte sich gegen die Herabsetzung des Schweizer Journalismus durch die Republik während ihrer Crowdfunding-Kampagne und auf der Website republik.ch.

Beide Sichtweisen sind verständlich. Zum einen versucht eine Gruppe Journalisten, sich gegen die Abhängigkeit von Werbeanzeigen und gegen Recherche und Berichterstattung à la Bild-Zeitung (in der Schweiz entspricht der Bild die Tageszeitung 20 Minuten) zu wehren. Auf der anderen Seite malen sie die Zukunft der Branche vielleicht übertrieben düster. Mutige Thesen seitens Seibts also. Und was genau überzeugt ihn davon, dass sein Konzept bestehen wird? – „Die Republik wird sich auf sehr lange und sehr kurze Texte konzentrieren: das Panorama oder das Konzentrat. Unser Job ist nicht der erste Text zu einem Thema, sondern der definitive. Der, der im Gedächtnis bleibt.“
Wir drücken fest Daumen!